27.2. Donnerstag Frühstück wie immer. Erst beten alle - außer uns. Dann gibt es Reis, Baguette, Marmelade, Banane, manchmal Butter, Kaffee, süße dicke Milch. Geackert wurde, mit Päuschen in unserer "Stammbar", bis nach 17.00. Es können einem manchmal die Tränen kommen, wenn man 14-jährigen Mädchen alle Frontzähne zieht, weil sie komplett verfault sind oder 7-jährigen die ersten bleibenden Backenzähne, die sie ja höchstens 2 Jahre haben können. Wenigstens scheint - zumindest in der sozialen Ebene, aus welcher die meisten unserer Patienten stammen, ein zahnarmer oder zahnloser Kiefer keine sehr stigmatisierende Rolle zu spielen. Es laufen zu viele so rum, als dass man wirklich auffällt. Nur unseren europäischen Zahnarztaugen tut es weh. Wie erwartet haben wir das Legen von Füllungen offiziell eingestellt. Wir sind technisch einfach zu schlecht ausgestattet. Es dauert zu lange und der Andrang von Patienten mit Zahnschmerzen oder dringend entfernungsbedürftigen Zähnen ist einfach zu groß. Das heißt nicht, dass wir gar keine Füllungen mehr machen, weil uns manche (nicht völlig aussichtslose Situation) so leidtut, dass eben doch immer wieder mal eine gemacht wird. Selbst ich, der ich gesagt habe, ich ziehe nur, bin nicht gänzlich konsequent. Am Abend waren wir wieder mal am Ancobe Strand und dann in der Sandwichbar, wo wir tolle Pizzen bekamen. Wieder zu Hause stellten wir fest, dass einer aus dem Team seinen Zimmerschlüssel am Strand verloren hatte. Wer wohl? Also schlief ich behelfsmäßig in einem der leerstehenden Zimmer. Ein ungenutztes Mückennetz hatten wir ja noch und Zähneputzen wird eh überbewertet. Am Ende hat mich heut auch noch der Fluch der hiesigen Götter heimgesucht. Gehört mal dazu und soll ja gut für die Figur sein. 28.2. Freitag Der verlorene Schlüssel entpuppte sich als Glücksgriff. So musste ich zwar um 6 aufstehen, aber ich erlebte auf der Fahrt zum Strand das bunte Morgenleben in der Stadt, fand den Schlüssel wieder, war im Meer baden, (auch wenn ich dabei etwas verspannt auf meine am Strand zurückgelassene Tasche achtete), lief dann am Ufer und auf einsamen Wegen zu Fuß nach Hause und war pünktlich um 8 in der Praxis. Nur das Morgengebet entwischte mir. Der Tag verlief wie gewohnt. Wir sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Ein Student ist Springer und die anderen 3 arbeiten mit je einem Arzt, oft aber auch schon völlig selbstständig.   Es ist eindrucksvoll zu beobachten, wie schnell sie ein Gefühl für auch komplizierte Extraktionssituationen entwickeln. Sie sind alle 4 vorsichtig und einfühlsam, aber auch wissbegierig. Es macht wirklich Spaß. Harald, unser Erfahrenster hat sehr viel chirurgische Routine und Alena ist für ihre 2 Jahre Berufserfahrung super fit. Na und ich bin halt der, der noch bisschen das Drumherum organisiert und ein paar Sprüche klopft und manchmal wie das Rumpelstilzchen von Tisch zu Tisch springt, Ratschläge gibt oder mal schnell mit zufasst. Und wenn mir das zu stressig wird, übernehme ich einen Tisch und extrahiere selber, was das Zeug hält. Eh wir uns versahen, war es - trotz heut nur kurzer Mittagspause - wieder Abend und wir beeilten uns, noch an den Strand zu kommen. Der Transport klappt hervorragend. Wir haben uns auf einen Taxifahrer eingeschossen, der uns vielleicht 20 Cent mehr abnimmt als hier üblich, der aber zuverlässig und freundlich ist und auch englisch spricht, was besonders für mich gut ist, da mein weniges vor 2 Jahren gelerntes französisch sehr konsequent verdunstet ist. Gleich geht die Sonne unter, ich bin das erste Mal mit der Berichterstattung auf einem aktuellen Stand und wir werden etwas essen gehen. 29.2.20 Es war wieder eine sehr sehr warme Nacht. Da half nur still auf dem Rücken liegen, Arme und Beine ohne Kontakt zum Körper, Handtuch auf die Stirn gelegt, flach atmen und schnellstmöglich einschlafen.  Das hat geklappt. Früh ließ ich das Frühstück ausfallen, aber Harald brachte Alena, die auch geschwänzt hatte und mir Bananen und Kaffee mit auf die Zimmer. Sehr cool. Gegen halb 9 sollte unser Wochenendausflug starten, aber wir mussten alle noch zum Bankautomaten, und da war wie immer hier ein großer Andrang.  Eigentlich wollten wir auch noch in den Telefonladen, weil einige ihr Datenvolumen aufpeppen mussten (besonders ich), aber der Guide drängelte und deshalb bin ich das ganze Wochenende ohne Internet. Katastrophe!? So starteten die Boote erst etwas später als geplant. 1 Stunde fuhren wir im Zickzack durch ein Gebiet, ähnlich den Mangrovensümpfen in Florida, aber Mangroven sind das nicht. Palmen und andere Pflanzen säumen das Ufer. Es sieht sehr schön aus. Es soll hier große Krokodile geben, aber wir sahen keine. Es ist eine wunderschöne, weitläufige Gegend. Noch schöner als mit Motorpirogge wäre wohl eine Paddelpirogge gewesen, um die Stille genießen zu können, aber auch so war es toll. Zwischendurch mussten wir durch eine Schleuse. Es ging aber nicht um Höhe, sondern um den Salzgehalt. Irgendeine kanadische Firma betreibt hier in der Gegend Bergbau, braucht dafür viel Wasser mit geringem Salzgehalt. Deshalb wird ein Teil der Seen vom Meerzugang abgegrenzt. Die Versüßung des Wassers verdrängt Shrimps und damit die Shrimps Fischer. Dafür schaffen die Kanadier wohl viele Arbeitsplätze. Arbeit versus Umwelt. Von den vielen Pflanzen gefielen mir die großen fleischfressenden Pflanzen am meisten. Eine langgezogene tropetenförmige Blüte und ein Deckel oben drauf, der einfach zuklappt, wenn so eine arme Mücke grad vom leckeren Nektar kosten möchte. Dann gibt es kein Entrinnen. Am Zieldorf angekommen, begann eine ca. 4 km Wanderung zum Locarobeach. Dort erwartete uns ein Strand wie im Reiseprospekt. Endlos, breit, feinsandig, völlig menschenleer. Schließlich landeten wir im Piratencamp. Einige wenige Bungalows, einsam, einfach, aber immerhin mit Dusche, aus der auch Wasser kam. Wir bezogen die zwei "Zimmer". Eine Seite Mädels, andere Seite Kerle. Ich hatte Glück und bekam das Einzelbett. Zu Mittag gab es Dorade, Gemüse und Reis. Obgleich ich ja eigentlich ein Nichtfischesser bin, war es doch sehr lecker und die Gräten sind so groß, dass man sie gar nicht übersehen kann. Nach dem Mittag gingen die anderen an den Strand, ich gönnte mir erst mal ein Mittagsschläfchen und streunte dann 2 Stunden in der Gegend herum. Es heißt wirklich nicht umsonst "Paradies". Es ist sehr idyllisch. Nahe dem Camp ist eines kleinen, trocknen Fußes erreichbare Halbinsel. In 3 Richtungen Meer soweit das Auge reicht, überall Wellen, die sich an den Steinen brechen und ihre Gischt meterhoch auf ihnen ergießen. Gelegentlich sieht man einen Einheimischen, der in seiner kleinen, aus Baumstämmen geschälten Nussschale übers Meer paddelt und Fischernetze auswirft. Gegen halb 7 wurde es dunkel. Das Abendbrot bestand aus Krabbenmuss, Zebu Steak und Kartoffelstücken, dann Bananen in Honig zum Nachtisch. Wir verbrachten den Abend vor den Bungalows, bei Funzel Birne, Kerzen, Doppelkopf, Schummelmex und Schlafmütze. Gegen 22.00 fing es an zu regnen. Mit einer Intensität, dass man innerhalb von 2 Sekunden komplett durchnässt war, wenn man noch mal aufs Klo musste. Die Hütte hielt den Regen aus, auch wenn es hie und da durchregnete. Der Vorteil war eine kühle Nacht. 1.3. Sonntag Das war ja mal der Tag der schnellen Wechsel. Gestern Abend hatten wir noch besprochen, dass wir heut statt nach dem Frühstück erst am Nachmittag abfahren wollten, um noch den Strand genießen zu können. Aber es regnete die ganze Nacht - auch stellenweise in den Bungalow hinein - und so änderten wir unsere Entscheidung wieder. Dann beschlossen wir, die Rücktour nicht wie geplant - 1 Stunde Fußmarsch und 1 Stunde Bootsfahrt - durchzuführen, sondern uns von einem Taxi abholen zu lassen. Dafür hatte unser Koch, der auch der einzige Servicemensch im Camp war, nur ein müdes Lächeln. Das geht nicht. Punkt. Also starteten wir ganz normal halb 11, nach dem besten Frühstück, das wir bis jetzt hatten.  Dickes frischgebackenes Weißbrot, Butter, Marmelade, Ananas und Papaya, Kaffee und Tee und jeder bekam 2 Crêpes. Das schien auch dem Wetter zu gefallen, denn pünktlich kurz vor dem Start hörte es auf zu regnen. Wir wanderten zurück nach Eratra, wo wir, wie bei der Hintour schon, mitten durchs Dorf liefen und offensichtlich die Tagesabwechslung waren. Auch die Bootstour verlief regenfrei, worüber ich ziemlich froh war, denn die Jungs fuhren ziemlich flott - eines der Boote verzielte sich direkt einmal in einer Kurve und schoss in den falschen Nebenkanal. Während der Rückfahrt beschloss ich, den Nachmittag zu nutzen und noch einen Naturpark in der Nähe von Tolagnaro zu besichtigen. Erst sollte es der botanische Garten Saidi werden, dann riet der Bootsguide eher zum Nahamboana Reservat, also Umentscheidung. Dann telefonierte ich mit Maria, die riet wieder zum botanischen Garten, erklärte aber, dass ich da erst in Tolagnaro ins Hotel  Le Dauphin müsse, wegen der Anmeldung, weil es ein Privatpark ist. Als das Boot in der Stadt anlegte, trennten sich also die Wege der Gruppe. Die anderen wollten erst mal nach Hause ins Kloster Marillac und ich fuhr zum Hotel. Hier hatte ich das erste Mal seit Tagen WLAN, sodass ich mal einen Kontakt nach Hause herstellen konnte. Dazu aß ich etwas und trank ein Mittagsbier. Mittlerweile regnete es wieder und der Verantwortliche für den Park war nicht vor 3 Uhr im Hotel zurück zu erwarten. Also vergaß ich die Parks und machte einen Stadtrundgang. Im Reiseführer steht, Tolagnaro ist die schönste Stadt Madagaskars. Ehrlich, dann muss ich keine mehr sehen. Durch meine Brille gibt es hier, abgesehen von den wunderbaren Stränden drumherum, so gar nichts Sehenswertes. Die Kathedrale sieht aus wie eine Dorfkirche kurz vor dem Einsturz. Ich wurde direkt zum gleich beginnenden Sonntagsnachmittagsgottesdienst eingeladen, aber ich wanderte mal lieber weiter. Die Festung des Ortes, Fort Flacort kann ich nicht beurteilen, da sie sonntags geschlossen ist. Ich habe das erst nicht geschnallt. Das Fort wird wohl auch noch aktiv als Militärstützpunkt genutzt. Ich promenierte entspannt hinein. Irgend so einen Schreihals hinter mir überhörte ich, aber als mich dann 2 Soldaten direkt aufforderten, umzukehren, beschloss ich, die entspannt herunterhängenden Maschinengewehre doch nicht völlig zu ignorieren. Soweit ich sehen konnte, habe ich aber wohl nicht viel verpasst. Also schlenderte ich kreuz und quer, insgesamt ca. 12 km durch die Stadt, grüßte tausend Menschen, wurde tausendmal freundlich zurückgegrüßt und landete gegen 5 wieder im Kloster, wo die Gruppe sich gerade zum Stadtbummel bereit machte. Ich blieb erst mal da, um ein bisschen Körperpflege zu betreiben, Wäsche zu waschen und diese Zeilen aufzuschreiben. 2.3. Montag Heut war Telefonaufladetag. Ich verzichtete aufs Frühstück, was kein großer Verlust ist. Halb 8 war ich in der Stadt und gönnte mir in einer Patisserie - ja sowas gibt es hier auch, einen Kaffee und ein Croissant.  5 vor Acht war ich am Telmaladen, einem der 3 hiesigen Telefonanbieter und der, von dem ich schon die lokale Telefonkarte in Tana gekauft hatte. Vor mir 6 Leute. 8.35 -- nichts war passiert, alle Angestellten bemühten sich sehr entspannt immer noch um den ersten Kunden. Ich resignierte und beschloss, eine neue Karte bei einem anderen Anbieter -Airtel - zu kaufen. 200m Weg - doch dort, entgegen Maps.me, kein Laden. Weiter ging es zu Orange, auch nicht weit weg. Genau dort, wo Orange sein sollte, moderner Laden, überhaupt sind die Telefonläden die gepflegtesten und klimatisierten Läden neben den Banken und den Apotheken der Stadt. Anstehen, 4 Kunden vor mir, ca. 20 Minuten gewartet, dann war ich dran und erfuhr, dass es gar nicht der Telefonladen ist. Klar steht draußen Orange dran, aber das ist nur Werbung. Die verkaufen nur Fernsehkarten. Also Taxi her und schon wurde ich wirklich zu Airtel gebracht. Wenig Leute, welch ein Glück. Karte und Guthaben fürs Internet kaufen dauerte nur eine halbe Stunde. Es auf meinem Handy zum Laufen zu bringen allerdings noch eine halbe Stunde. Dann war ich endlich wieder Teil der Weltgemeinschaft. Zum Glück hatte ich in der Patisserie gut eingekauft, so dass es statt strenger Blicke über mein spätes Kommen eher Freude gab. Seit heute arbeiten wir an insgesamt 4 Stühlen. Die Tischlerei hat sehr kurzfristig 3 sehr schöne Liegen gebaut.  Zum Glück entpuppt sich unser Dolmetscher Yvan immer mehr als durchsetzungsfähiger, fleißiger Manager. Sonst würden wir bei 4 Tischen im Durcheinander versinken, weil ja ununterbrochen Patienten reingerufen, eingespritzt, auf die Wartestühle gesetzt, wieder auf die Liegen geholt, behandelt und nach Hause geschickt werden. Alle bekommen noch Zahnbürsten und das Gedränge vor der Tür muss er auch noch überschauen. Die jungen Kollegen wieder zu loben, lasse ich jetzt, aber sie hätten es verdient. Ich hab ihnen geraten, dass sie ihre chirurgischen Fähigkeiten im nächsten Studienjahr nicht so deutlich zeigen sollten, um sich nicht den Unmut irgendwelcher unerfahrener Assistenzzahnärzte an der Uni zuzuziehen. Es kommen jetzt keine Schüler mehr, aber viele Leute aus der Stadt. Wir ziehen max. 4 Zähne pro Patient, obgleich oft auch zehn oder mehr Zähne zu ziehen wären und viele das auch wollen. Aber es sollen ja alle drankommen. Ich springe viel hin und her, berate hier, helfe da nach, ziehe auch mal schnell ein paar Zähne. Es läuft. Heute Abend hatten wir uns vorgenommen, wieder mal im Konvent zu essen. Haben wir auch gemacht, aber es war wohl das letzte Mal. Der große Fleischtopf bestand zu 98 Prozent aus Schwarte und weichem Fett, dazu Reis, Kartoffeln und Nudeln. Kein Gemüse, aber ein Teller Limetten. Ich aß fast nur Reis mit Limettensaft. Tut halt der Linie gut. Den späteren Abend spielten wir " Halt mal kurz" und genossen einheimischen Rum und mitgebrachten Gin. 3.3. Dienstag Ich startete wieder früh, weil wir dringend Tupfer brauchten, klapperte alle 3 Apotheken der Stadt ab - erst in der 3. gab es welche und ich hielt natürlich an der Patisserie und kaufte für Mittag für alle leckere Küchlein ein. Gegen 9 zurück, versuchte ich dann nachzuholen, was ich früh "gebummelt" hatte. Heut musste  meine kleine mitgebrachte mobile Zahnarztbohrmaschine ran. Erstmals in diesem Einsatz hatte ich einen Unterkieferbackenzahn, dem ohne Freilegung nicht beizukommen war. Da habe ich fast eine halbe Stunde geschwitzt. Der Nachmittag war dann Extraktion total angesagt.  Das Extrahieren hatte schon etwas von Fließbandarbeit. 3 Patienten anästhesieren, dann diesen 3 so zwischen 2 bis 6 Zähne ziehen. Dann die nächsten 3 einspritzen usw. Da das mittlerweile alle so machen und wir an 4 Tischen arbeiten, wird es manchmal echt unübersichtlich, welcher Patient zu wem gehört. Aber dank unseres wirklich unglaublich guten Dolmetschers /Organisators/und mittlerweile auch selbstständig fachliche Dinge erklärenden Ywan , versanken wir nicht im Chaos. Und die Patienten zeigten uns auch problemlos ein zweites Mal, was sie gezogen haben wollten und wo wir eingespritzt hatten. Ein einziges Mal bisher fing ich an am falschen Zahn zu wackeln und auch nur, weil die Patientin in der Wartezeit umentschieden hatte, welche Zähne sie abgeben möchte. Aber sie korrigierte ihre Meinung ganz schnell und zeigte auf den betäubten Zahn. Den Abend verbrachten wir sehr entspannt im vielleicht besten Hotel der Stadt, dem Talinhoo Hotel. Wobei sich Speisen und Getränke preislich gar nicht so sehr von anderen Hotels unterschieden, aber die Zimmer haben europäische Preise. Heut hab ich erstmals Kasse gemacht mit meinem von meinen Patienten gespendeten Geld. 500 Euro sind es etwa noch, die ich verbrauchen kann. Da habe ich aber schon schön einkaufen können. Buntstifte für die Kinder gehen hervorragend ab, Zahnbürsten und Küchenrollen und Tupfer verbrauchen wir massenhaft. Kein Wunder bei, ich schätze mal, 200 gezogenen Zähnen am Tag. Auch wenn wir das jetzt schon ein paar Tage hier machen, es ist noch immer wieder deprimierend, wie schlecht die Zähne hier sind. Gefühlt hatte noch kein Land, indem ich gearbeitet habe, so viele komplett zerstörte Gebisse. Ich verstehe es auch nicht ganz, wie bei teils 12 bis 14-Jährigen die kompletten Frontzahnregionen tief zerlöchert sein können. Mit schlechter Mundhygiene allein ist das nicht zu erklären. Nur was ist es dann. Auf jeden Fall traurig. Die Schlange vor der Praxis wird täglich länger. Die Patienten stehen teilweise ab 8 bis teils zum Schluss und wenn wir Schluss machen, schicken wir die restlichen Wartenden weg und sagen ihnen, sie sollen morgen wiederkommen. Mittags geben wir Nummern aus für den Nachmittag, aber tagübergreifend macht das keinen Sinn. Viele kommen quasi täglich wieder und versuchen, sich weitere Zähne ziehen zu lassen. Heut waren auch ein paar Dorfschönheiten da, also junge Frauen, die in nicht ganz so ärmlichen Klamotten herumliefen, auch Lippenstift trugen und für hiesige Verhältnisse saubere Sachen anhatten. Sie wollten Frontzahnfüllungen. wir vergaben noch ein paar Nachmittagstermine für Füllungen, aber dann war endgültig Schluss damit. 4.3.20 Mittwoch Damit ich hier nicht den Eindruck des Drückebergers hinterlasse, war ich heut mal wieder im Konvent zum Frühstück. Na ja, kann man machen, muss man nicht. Sehr unknuspriges Baguette mit süßer Kaffeesahne, Kaffee mit der gleichen Sahne und das wars. Es stand noch eine Terrine warme Flüssigkeit auf dem Tisch, nur einen Geschmack konnte ich nicht entdecken. Wie lecker war da doch das Essen gestern Abend im Talinjoo. Da wollten wir heut glatt noch mal hin. Dann heut früh der "Schock". Pater Pierre lud uns so herzlich für den Abend zur Feier des heiligen Kazimierz ein, dass wir einfach nicht ablehnen konnten. Damit fällt der heutige Gaststättenbesuch - irgendwie gefühlt jeden Tag die Belohnung fürs Fleißig sein - aus. Wir werden es überleben und vielleicht ist die Küche ja wegen Kazi heut ein bisschen kreativer. Auf jeden Fall haben wir heut ca. 240 Zähne gezogen. Also faul sind wir nicht. Ich war zwischendurch schnell an der Tanke um die Ecke und kaufte alles auf, was die an Küchenrollen und Papiertaschentüchern hatten. Wir verbrauchen unfassbare Mengen zum Desinfizieren. Morgen früh werde ich die Stadt leerkaufen, damit das Team in den nächsten 2 Wochen über die Runden kommt. Ich bin ja der Einzige, der nach 2 Wochen Einsatz am Samstag nach Hause fliegt. Alle anderen bleiben 4 Wochen. Allerdings wechseln sie am WE den Standort, arbeiten dann irgendwo noch weiter im Hinterland, wo einkaufen und nachkaufen sicher nicht unmachbar aber deutlich schwieriger sein wird. Das Abendbrot war dann, wir erwartet. Es gab quasi fleischlose Hühnerstücke, allerdings in würziger Marinade. Dazu das übliche kulinarische Dreierlei, Reis, Kartoffel, Nudeln. Immerhin gab es danach Schneewittchentorte, die eine der polnischen Sozialarbeiterinnen gemacht hatte und der Konvent spendierte madagassischen Rum und polnischen Wodka. Aber die Stimmung in der Truppe war wie immer seitdem wir hier sind, wunderbar und das machte den Rest wett. Heut bekamen wir auch die Rechnung für Übernachtung, Frühstück und Wasser. Ich sag mal so, 100 Euro für 2 Wochen klingt nicht viel, aber die Unterkünfte sind doch ganz schön vernachlässigt und schmutzig. Wir diskutierten eine ganze Weile darüber, aber am Ende werden wir einfach bezahlen. Der Abend wurde dann noch ein sehr fröhlicher "hau den Nazi" Spieleabend. 5.3.2020 Früh war ich wieder shoppen, schließlich muss ja einer das Team mit Tupfern,  Mengen von Küchenrollen für die Wischdesinfektion und die Patientenreinigung, mit neuen Zahnbürsten, na und das Team mit Kuchen eindecken. Den Kuchen natürlich nicht, aber die Verbrauchsmaterialien konnte ich wieder von den Spendengeldern meiner Patienten bezahlen. Im Laufe des Tages ließen wir es richtig krachen. Wir zogen heut ca. 260 Zähne. Für mich war es der letzte Arbeitstag. Ich verlasse die Truppe morgen. Ich freue mich auf zu Hause und auf gepflegte Zahnheilkunde in meiner schönen, jetzt komplett runderneuerten Praxis, mit all den Möglichkeiten und all dem Schnick schnack, den man so hat. Aber ein Auge weint auch. Weil ich hier so ein tolles Team verlasse, weil es hier so unfassbar viel zu tun gibt. Es ist wie am Ende jedes Einsatzes. Es ist deprimierend, zu sehen, wie fürchterlich es um die Zähne so vieler Menschen bestellt ist und das wir außer der Vorbeugung entzündlicher Probleme - indem wir so viele kaputte  Zähne wie möglich entfernen, eigentlich rein gar nichts tun können. Und wie Pillepalle viele unserer deutschen Probleme angesichts der Armut der Menschen in anderen Teilen der Welt doch ist. 6.3. Freitag     Wir fuhren früh gemeinsam ins Kaletahotel in die Patisserie und frühstückten dort. Ich lud quasi zum Abschiedsessen ein. Deshalb öffnete die Praxis heut  erst 9.15  Es warteten unglaublich viele Leute trotz starken Regens. Ich packte meinen Koffer, dann verabschiedete ich mich von Pater Pierrot und packte die letzten 4 Fußbälle und eine Tüte voller Buntstifte für die polnischen Sozialarbeiterinnen zusammen Weitere Buntstifte und die restlichen Plüschtiere, die noch da sind, lasse ich dem Team für die Kinder in den nächsten 2 Wochen. Dann war ich bei Norbert und Maria, übergab die letzten 400 Euro von den Patientenspenden mit der Bitte an Maria, diese gut zu verwenden, wovon ich überzeugt bin, denn wohl niemand weiß besser als sie, was vor Ort besonders unterstützenswert ist. Ich habe sie gebeten, mich zu informieren, wenn sie das Geld eingesetzt und wofür, damit meine Patienten es auch erfahren können. Dann verabschiedete ich mich sehr herzlich vom Team und trottete traurig zum Flughafen, nicht ohne vorher schnell noch 3 Abschiedszähne gezogen zu haben. Der Rest des Tages war unspektakulär. Flug nach Tana, zu Fuß in das Hotel, indem ich schon übernachtet habe und madagassisches Abendbrot. Das war sehr lecker. Also liebe Priester in Marillac, da geht noch was. 7.3. Samstag Letzter Eintrag für diesen Einsatz. Kann ich mir vorstellen, noch mal herzukommen? Auf jeden Fall. Die Menschen sind unglaublich geduldig, friedlich, freundlich. Es mag manchmal ein bisschen regnerisch gewesen sein, dafür ist es überall grün. Die Umgebung ist wunderschön. Zu tun ist wahrlich genug. Die vorhandene Praxisausstattung ist Klasse. Danke schön an Planet Action. Danke schön an das tolle Team. Danke schön an die Firmenspender. Danke schön an die vielen Patienten, die mich unterstützt haben.